Wissenswertes von der Brennnessel

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Harry
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Wissenswertes von der Brennnessel

Ungelesener Beitrag von Harry » Do 21. Mai 2015, 14:42

Hallo Pflanzenfreunde,

von der Brennnessel zu sprechen ist eigentlich nicht ganz richtig. Zwei Arten sind für eine Verwertung in der Küche und als Heilpflanze interessant. Urtica dioica, die große und Urtica urens, die kleine Brennnessel. Da die große Brennnessel am häufigsten verarbeitet wird gehört dieses Portrait der Urtica dioica.

Die große Brennnessel ist zweihäusig, es gibt also Stängel die ausschließlich weibliche und solche die ausschließlich männliche Blüten tragen. Sie gehört in die Familie der Brennnesselgewächse ( Urticaceae ). Je nach Standort und Nährstoffversorgung erreicht sie Wuchshöhen von 30 - 150 ( 250 ) cm. Die ganze Pflanze ist mit Brennhaaren besetzt. Diese Brennhaare sind bei ganz jungen Pflanzen ( März bis Mai ) noch nicht oder nur sehr spärlich vorhanden.

Die Brennnessel ist mit Ausnahme der polaren Gebiete nahezu weltweit verbreitet. Sie besiedelt gerne frische, stickstoffhaltige Böden und wächst dort in größeren Beständen, die oft durch kräftige Rhizome miteinander verbunden sind.

Urtica dioica - Große Brennnessel

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Historisches

schon der berühmte Arzt der Antike Hippokrates empfahl die Brennnessel zur Leib und Blutreinigung. Leonhard Fuchs ( 1501 - 1566 ) , der pflanzenkundliche Arzt schrieb in seinem Kräuterbuch: " Nessel in die laug gelegt, vertreibt das haar ausfallen und den bösen grind." Im Mittelalter empfahlen nicht wenige Heiler die Brennnessel zur Steigerung der Liebeskraft und zum Schutz vor Hexen. Wegen der aphrodisierender Wirkung war es Mönchen im Mittelalter strengstens verboten Brennnessel zu verspeisen. Zu dieser Zeit zog man die Brennnessel auch als " Prognosekraut " zu den Heilungschancen eines Erkrankten heran. Sie wurde mit Harn der Erkrankten bedeckt: blieb sie einen Tag und eine Nacht grün sah man das als Zeichen baldiger Genesung an, verlor sie aber in dieser Zeit ihre Farbe, war alles verloren und der Erkrankte dem Tode geweiht. Ichiasbeschwerden, Hexenschuss und rheumatische Beschwerden wurden damals auch mit der Brennnesselpeitsche behandelt, was ein oft mehrstündiges Wärmegefühl verursachte und Linderung brachte.

Bevor die Baumwolle nach Europa kam war die Brennnessel eine bedeutende Faserpflanze. Aus den älteren, sehr zähen Stängeln gewann man eine widerstandfähige und robuste Faser die zu Nesseltuch weiterverarbeitet wurde. Der Ausdruck Nesseltuch hat sich bis heute in manchen Gegenden für weißes, ungebleichtes Gewebe erhalten.
Kleidung im Mittelalter bestand nicht selten aus diesem Nesseltuch " ein Kleid aus Nesseln bleibt stets Meister über alle bösen Geister." Heute kaum noch vorstellbar.

Inhaltsstoffe

Nesselgift, bestehend aus Histamin, Acetylcholin, Serotonin, Spuren von Ameisensäure und einer amorphen, sauren Substanz deren Zusammensetzung noch recht unbekannt ist. Dieses Nesselgift befindet sich in feinen Haaren, die an Blättern und Stängeln sitzen. Die Haare sind 1-2 mm lang und laufen spitz zu. Am Ende dieser Haare sitzen kleine verkieselte Kügelchen die bei Berührung abbrechen und scharfkantige Spitzen hinterlassen. Diese Spitzen dringen in die Haut ein und werden dort durch die Kappilarwirkung entleert. Den Effekt brauch ich wohl niemandem zu erklären. Übrigens ist die Brennwirkung der kleinen Brennnessel um ein vielfaches stärker als die der Großen.

Die Brennnessel ist auch reich an den Vitaminen A + C, Eisen, Magnesium und Kalium. Im Vergleich zu Kopfsalat sieht dieser doch recht alt aus:

Brennnessel ( 100 gr. )

Vitamin A -- 0,74 mg
Vitamin C -- 333 mg
Eisen -- 7,8 mg
Magnesium -- 71 mg
Kalium -- 410 mg

Kopfsalat ( 100 gr. )

Vitamin A -- 0,13 mg
Vitamin C -- 13 mg
Eisen -- 1,1 mg
Magnesium -- 11 mg
Kalium -- 224 mg

Weiterhin findet man in den in Blättern noch Aminosäuren, Kaffeesäurederviate und Flavonide und in den Wurzeln Phytosterole, Lectine, Lignane, wasserlösliche Polysaccharide, Nitrate und Gerbstoffe vor.

Heilpflanze Brennnessel

Heute sind viele heilkräftige Wirkungen der Brennnessel wissenschaftlich belegt. Sowohl die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) - Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phytotherapien als auch die selbstständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel ( Kommission E ) befürworten die Anwendung der Brennnesselblätter bei Harnwegsentzündungen und rheumatischen Beschwerden und der Wurzel bei Prostataerkrankungen.

Es gibt mehrere umfangreiche Studien mit mehr als je 10 000 Teilnehmern die die Wirksamkeit der Brennnessel belegen. Patienten mit arthritischen oder rheumatischen Beschwerden erhielten 6 Wochen lang einen Extrakt aus Brennnesselblättern, teils zu ihrer normalen Rheumamedikation, teils in Alleintherapie. 80 - 95% beurteilten die Wirksamkeit der Brennnesselpräparate als gut bis sehr gut. Bei nahezu 60% der Patienten gingen die rheumatischen Schmerzen deutlich zurück. In anderen Studien wurden männlichen Patienten mit Problemen beim Wasserlassen als Folge einer vergrößerten Prostata 3 -5 Monate lang ein Präparat aus Brennnesselwurzeln verabreicht. Der nächtliche Harndrang reduzierte sich um mehr als die Hälfte, der Urinfluß verstärkte sich und der Verbleib von Resturin in der Blase nahm ab. In der Volksheilkunde werden die Blätter als blutbildendes und blutreinigendes Mittel verabreicht. Eine Kur mit Tee oder Brennnesselsaft im Frühjahr weckt die Lebensgeister und vertreibt die Frühjahrsmüdigkeit.

Brennnessel in der Küche

In der Küche werden junge Pflanzen bzw. später nur die oberen Blätter zu leckeren Suppen, Gemüsen, Gemüsefüllungen, Frikadellen, Souffles, Quakspeisen, Aufläufen, Broten, Eierspeisen usw. verarbeitet. Die Samen sind ebenfalls verwendbar. Sie sind sehr vitamin und mineralstoffreich und werden auf Suppen, in Joghurt oder auf des morgendliche Müsli gestreut. Man kann sie auch direkt von der Pflanze in den Mund stecken. Im Geschmack erinnern sie an Sesamsamen. Echt lecker. Nein, keine Angst an den Samen befinden sich keine Brennhaare. Brennnesseln kann man das ganze Jahr über ernten. Abgeschnitte Stängel treiben neu aus und ergeben so wieder junges und zartes Gemüse. Als Spinat, eventuell gemischt mit Giersch oder Vogelmiere, ist die Brennnessel ein wahrer Leckerbissen. Oder wie wäre es denn mal mit einem Brennnesselschnitzel? Kennt ihr nicht? Na dann wird es aber Zeit.

Brennnesselschnitzel

Zutaten:

200 gr. Brennnesselblätter
3 Roggenbrötchen
30 gr. Butter
1 Zwiebel
4 El. Vollkorn - Haferflocken
6 EL Milch
Würzhefeflocken
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
eine Prise frisch geriebene Muskat
Öl oder Butterschmalz zum Braten

Zubereitung:

Brennnesselblätter waschen, mit heißem Wasser überbrühen, abtropfen lassen und fein hacken. Roggenbrötchen in Würfel schneiden und in der Milch einweichen. Wenn nötig später ausdrücken. Fein gehackte Zwiebel in Butterfett glasig andünsten. In einer Schüssel alle Zutaten und die Gewürze, außer die Würzhefeflocken, vermengen. Kleine Schnitzel formen, in den Würzhefeflocken wenden und in einer Pfanne goldgelb ausbacken. Einfach lecker. Ich mach mir immer einen schönen Kräuterquark dazu.

Weitere Rezepte werde ich so nach und nach im Rezepteforum veröffentlichen. Einige sind ja bereits vorhanden. Noch ein Tipp: Brennnesseln verfügen zwar über einen hohen Mineralstoff und Vitamingehalt, dennoch sollte man sie nicht täglich in der Küche verarbeiten. Warum ist das so? Da die Pflanze gerne an stickstoffreichen Standorten wächst, kann sie leider auch viel Nitrate aufnehmen. Eine erhöhte Nitratzufuhr kann zu osmotischen Problemen führen.


Verwechslungen

Am häufigsten wird die Große Brennnessel mit der Kleinen Brennnessel verwechselt. Diese einhäusige Art wird nur bis zu 50 ( 60 ) cm hoch und ist meist in Einzelexemplaren oder kleineren Gruppen an stark stickstoffhaltigen Standorten zu finden. Anders als bei der Großen Brennnessel handelt es sich hier um Einzelpflanzen, sie sind also nicht durch Rhizome miteinander verbunden. Die Kleine Brennnessel brennt wesentlich stärker als ihre große Schwester. Des Weiteren kann die Brennnessel mit einigen noch nicht blühenden Taubnesseln verwechselt werden. Diese besitzen aber keine Brennhaare. Als bekannteste Art sei hier die Weiße Taubnessel genannt.

Nebenwirkungen

Brennnesselzubereitungen aus Blättern oder Wurzeln können in seltenen Fällen zu allergischen Hautreaktionen oder Magen - Darm Beschwerden führen.

Sammel und Aufbewahrungstipps

Will man Brennnesseln sammeln ist man gut beraten bei der Ernte Handschuhe zu tragen. Die Pflanze steht praktisch während der gesamten Vegetationszeit zur Verfügung. Wie oben schon erwähnt nimmt man bei älteren Pflanzen nur die oberen 4 - 6 Blätter. Gesammelt wird am besten um die Mittagzeit oder am frühen Nachmittag weil da der Gehalt an Wirkstoffen am höchsten ist. Getrocknete Blätter lassen sich in einem großen Schraubglas ein gutes Jahr aufbewahren.

Tipps für den Naturgarten

Brennnesseln im Garten wird die meisten Gartenbesitzer nicht dazu veranlassen in Jubelstürmen auszubrechen und es wird wohl nicht wenige geben die ihr mit Unkrautvernichtungsmitteln zu Leibe rücken. Betrachten wir doch mal diese ungeliebte Pflanze von der Seite ihrer ökologischen Bedeutung.

Die Brennnessel bietet den Raupen zahlreicher Schmetterlinge als Nahrungsquelle wie zum Beispiel dem Tagpfauenauge oder dem Kleinen Fuchs. Brennnesseln sind durch ihren hohen Mineralstoffgehalt ein wertvoller Bestandteil von Kompost. Man sollte aber darauf achten das man keine samentragende Pflanzen verarbeitet. Klein geschnittene Pflanzen eignen sich hervorragend als Mulch zwischen Gemüsepflanzen. Sie zersetzen sich rasch und liefern so anderen Nutzpflanzen wertvolle Mineralstoffe. Verrottende Brennnesselpflanzen sind ein wahrer Leckerbissen für Regenwürmer die so ganz nebenbei zur Lockerung und Durchlüftung der Gartenerde beitragen. Eine Brennnesseljauche eignet sich hervorragend zur Düngung schnell wachsender Gemüsepflanzen und Stauden. Eine ausgewogene Ernährung schützt sie besser vor Krankheiten und Schadinsekten. Gut, der Geruch der Jauche ist für manche Zeitgenossen nur mit schwerem Atemschutzgerät zu ertragen, aber sie wirkt im Garten wahre Wunder.

Brennnesseljauche

Ein Gefäß ( kein Metall ) wird mit klein geschnittenen Brennnesseln zur Hälfte gefüllt. Mit Regenwasser zu drei Viertel füllen und diesen Ansatz täglich umrühren. Der Ansatz beginnt bei warmen Wetter sehr schnell an zu gären. Es bildet sich Schaum und der üble Geruch entsteht. Übrigens kann man den Geruch durch Zugabe von Steinmehl etwas abmildern. Um zu verhindern dass Insekten oder gar Vögel in der Jauche ertrinken sollte man sie mit einem Fliegengitter oder ähnlichem abdecken. Die Gärung ist je nach Temperatur so zwischen zwei bis drei Wochen abgeschlossen. Der Ansatz kann nun 1:10 mit Wasser verdünnt und so als Dünger verwendet werden.

Rostpilz auf Brennnessel

Puccinia urtica benutzt die Große sowie die kleine Brennessel als Zwischenwirt und bildet auf ihnen seine 0 - Pyknien und I - Aezien aus um dann auf seinen Telienwirten der Gattung Carex ( Seggen ) die Entwicklung mit II-Uredien und III-Telien abzuschließen. Die recht ansehnlichen und auffälligen Aezien - Sporenlager finden sich an den Blättern sowie an den Stängeln der Pflanzen und sind eigentlich nicht zu übersehen.

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So das soll es wieder mal gewesen sein. Ich hoffe auch dieses Pflanzenportrait hat euch gefallen.

Gruß
Harry
Dass man immer noch lernen kann ist herrlich, und auch dass man andere dazu braucht.

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Re: Wissenswertes von der Brennnessel

Ungelesener Beitrag von rickenella » Do 21. Mai 2015, 17:12

Hallo Harry,

schöner Beitrag in einer pilzarmen Zeit, hat mir sehr gut gefallen. Apropo gefallen. Letztes Jahr bin ich am Rand eines Brennnesselsaumes beim fotographieren (rückwärts gehen) in´s Straucheln gekommen. Um den teuren Fotoapparat vor Beschädigungen zu schützen konnte ich mich nur noch halbwegs kontrolliert fallen lassen. Das war in der Mittagshitze und hat tagelang geschmerzt wie S... . Dazu noch das Gelächter der "Fotoobjekte"... :lol:

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Re: Wissenswertes von der Brennnessel

Ungelesener Beitrag von Holger » Mo 8. Jun 2015, 11:04

Danke für den hervorragenden Beitrag. Was ist das für eine Extrakt der bei Rheuma helfen soll? Ich habe das nämlich seit 10 Jahren und bin für alles was hilft dankbar, ich nehme schon genug Tabletten.
Viele Grüße und einen schönen Tag
Holger

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Re: Wissenswertes von der Brennnessel, Rückmeldung

Ungelesener Beitrag von Holger » Di 15. Dez 2015, 12:01

Hallo Harry,

nach Deinem Artikel hat meine Frau intensiv in der Literatur nachgelesen und ich auch bei Rita Lüder. Ich habe ja wie geschrieben seit jetzt nunmehr 11 Jahren Muskel- und Gelenkrheuma.

Auf jeden Fall ging es mir Anfang Juni so schlecht, so dass ich zu den Rheumamedikamenten täglich noch Schmerzmittel nehmen musste. Ich habe dann Brennesselblätter gesammelt und getrocknet. Daraus habe ich mir täglich 1 Liter Tee gekocht (auch immer 2-3 Salbeiblätter dazu) und über den Vormittag verteilt getrunken. Nach ca. 10 Tagen trat leichte Besserung ein, nach 3 Wochen deutliche Besserung, nach 4 Wochen brauchte ich keine Schmerzmittel mehr. Nach 8 Wochen waren alle geschwollenen Gelenke abgeschwollen und beschwerdefrei, die Muskeln waren ebenfalls wieder beschwerdefrei. Meine Beweglichkeit besserte sich deutlich parallel dazu. Schon ab Mitte August hatte ich keinerlei Entzündungswerte mehr im Blut und das hält bis heute an.

Ich habe dann mal für eine Woche Urlaub mit dem Tee ausgesetzt und es wurde umgehend wieder schlechter, das ist der absolute Beweis dafür das der Tee hilft und es mir nicht aus irgendeinem anderen Grund besser geht.

:daumen Also vielen Dank für diesen tollen Artikel von Dir, er hat mir wieder viel mehr Wohlgefühl zurück gegeben.
Viele Grüße und einen schönen Tag
Holger

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