Ein sonderbarer "Stockwerkpilz"

Missbildungen und Mutationen an Pilzen können hier vorgestellt werden - Forumsstart 14.03.2009

Moderator: Gerd

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Gerd
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Ein sonderbarer "Stockwerkpilz"

Ungelesener Beitrag von Gerd »

Hallo zusammen,

heute zeige ich (Dank an Wilhelm für die Bereitstellung) folgende missbebildete Fruchtkörper:
Russula vesca (2)_WS.jpg
Russula vesca (2)_WS.jpg (126.42 KiB) 3400 mal betrachtet
Russula vesca (1)_WS.jpg
Russula vesca (1)_WS.jpg (112.44 KiB) 3385 mal betrachtet

- Man sieht zwei Fruchtkörper die an den Hüten miteinander verwachseln sind.

- Und bei dem oberen "kleineren" Fruchtkörper sind die Lamellen nicht geotropisch (wird Hier erklärt) ausgerichtet sondern zeigen nach oben und nicht zum Erdboden hin.

- Man sieht ferner, dass der oben liegende Hut einen Stiel hat und sich an der Stielbasis noch Substratreste befinden.

---> Der obere Fruchtkörper wurde offensichtlich durch den Unteren in seinem Wachstum gestört/gestoppt, emporgehoben und vom Myzel getrennt. Und genau dies sind typische Merkmale für "Doppelfruchtkörper/Stockwerkpilze", bei denen die Fruchtkörper in zwei Ebenen/"Etagen" liegen.

---> Deshalb gibt es m.E. nur eine Schublade, in die man diese "Bildungsabweichung" ablegen kann:

"Doppelfruchtkörper"/ "Stockwerkpilz"
------------------------------------------------

Es mag befremden, dass in diesem Beispiel die Lamellen des oberen Fruchtkörpers nicht "geotropisch" zum Erdboden ausgerichtet sind.

---> Doch erinneren wir uns an die Ursache, die zu einer "Stockwerksbildung" führen:

(1) Zuerst entschließt sich eine "Fruchtkörperanlage" (Primordium) zu einer Fruchtkörperentwicklung.

(2) Dann zeitlich später entscheidet sich eine etwas tiefer liegende "Fruchtkörperanlage" auch noch zur Entwicklung eines Fruchtkörpers.

(3) Die Konsequenz ist, dass der obere, zuerst wachsende Fruchtkörper emporgehoben wird, sein Wachstum getroppt wird, da er dadurch vom Myzel abgetrennt wird. Und da es sich um das gleiche Myzel handelt verwachsen beide Fruchtkörper miteinander.

- Und jetzt kann man sich m.E. leicht vorstellen, warum der obere "Fruchtkörper" auf dem Kopf steht:
---> Die sich später entwickelnde "Fruchtkörperanlage" liegt etwas seitlich versetzt unter der sich zuerst entwickelnden "oberen Fruchtkörperanlage". Und beide Fruchtkörper berühren sich deshalb nur am Hutrand und verwachsen dort.
---> Und bei der Streckung des Huts des unteren Fruchtkörpers wird der obere, vom Myzel getrennte Fruchtkörper, gedreht.

Beste Grüße
Gerd
- Ich mache nur Bestimmungsvorschläge und keine Essensfreigabe.
Holger

Re: Ein sonderbarer "Stockwerkpilz"

Ungelesener Beitrag von Holger »

:su: Gerd und guten Morgen,

dank Deines Hinweises habe ich gleich diesen mal wieder tollen Beitrag gelesen. :wo: Woher nimmst Du nur die Zeit und Geduld diese Beiträge so wissenschaftlich zu untermauern, aber gleichzeitig auch für Laien verständlich zu schreiben.
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Gerd
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Re: Ein sonderbarer "Stockwerkpilz"

Ungelesener Beitrag von Gerd »

Hallo Holger,
Holger hat geschrieben: Woher nimmst Du nur die Zeit und Geduld diese Beiträge so wissenschaftlich zu untermauern, aber gleichzeitig auch für Laien verständlich zu schreiben.
- Na ja, ich bin zwischenzeitlich "Rentner" und kann jetzt das "höhere Freizeitangebot" nutzen und mich verstärkt um mein neues Hobby "Missbildungen" kümmern. :roll:

- Mein Wissen stammt größtenteils aus dem KREISEL-Artikel [1]
---> Aber, wie schon mehrfach gezeigt, ist der Missbildungstyp (*) nicht immer eindeutig. Und da versuche ich einfach eine m.E. plausible Zuordnung zu finden.

(*) Insbesondere die Zuordnung "Stockwerkspilz vs. Stielverwachsung", an denen in beiden Fällen 2 neben oder untereinander liegende "Fruchtkörperanlagen" beteiligt sind, die sich sich synchron oder etwas zeitlich versetzt entwickeln. Und da kann man sich leicht vorstellen, dass hier auch Übergänge auftauchen müssen, auf die KREISEL nicht eingeht.

- Und genau ein solches Beispiel bringe ich demnächst.

Beste Grüße
Gerd


Literatur:

[1] Michael – Hennig – Kreisel (1983): Bildungsabweichungen an Fruchtkörpern (Teratologie); Handbuch für Pilzfreunde Band V
- Ich mache nur Bestimmungsvorschläge und keine Essensfreigabe.
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Gerd
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Re: Ein sonderbarer "Stockwerkpilz"

Ungelesener Beitrag von Gerd »

Hallo Fans des Gruselforums,

wieder ein Beispiel dafür, dass ich bei meiner Einarbeitung in die "Teratologie" doch einige Probleme bei der Zuordnung in die korrekte Schublade hatte.

- Hier zwischen Zuordnung (a) "normale Verwachsung" vs. (b) "Sonderfall Stockwerkspilz". Dabei ist die Trennung meist recht einfach:

(a) Im ersten Fall liegen die beteiligten "Primordien´ in +- gleicher Ebene und sind an Stielbasis und/oder Hut miteinander verbunden. Insbesondere bei Täublingen/Milchlingen kann man bei einer Verwachsung der Stielbasen beobachten, dass einer der Stiele abbricht.

(b) Im zweiten Fall liegen die beteiligten Primordien übereinander in unterschiedlichen Ebenen, sodass der obere vom unteren Fruchtkörper angehoben wird. Die Stielbasen beider Primordien sind zwangsläufig nicht miteinander verwachsen. deshalb kann natürlich keiner der Stiele abreißen.


---> Damit sollte klar sein, dass dieser Fund in die Schublade "normale Verwachsung gehört.

Grüße Gerd
- Ich mache nur Bestimmungsvorschläge und keine Essensfreigabe.
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